Gisela May Liedtext

Gisela May Bertolt Brecht – Die Legende der Dirne Evelyn Roe Liedtext

Als der Frühling kam und das Meer war blau

Da fand sie nimmer Ruh‘

Da kam mit dem letzen Boot an Bord

Die junge Evelyn Roe!

Sie trug ein härenes Tuch auf dem Leib

Der schöner als irdisch war –

Sie trug kein and’res Gold und Geschmeid‘

Als ihr wunderreiches Haar!

„Herr Kapitän, lass mich mit dir ins heil’ge Land fahr’n

Ich muss zu Jesus Christ!“

„Du sollst mitfahr’n, Weib, weil wir Narr’n

Und du so herrlich bist!“

„Er lohn’s Euch! Ich bin nur ein arm‘ Weib

Mein‘ Seel‘ gehört dem Herrn Jesu Christ!“

„So gib uns deinen süßen Leib

Denn der Herr, den du liebst, kann dies nimmermehr zahl’n

Weil er gestorben ist!“

Sie fuhren hin in Sonn‘ und Wind

Und liebten Evelyn Roe –

Sie aß ihr Brot und trank ihren Wein

Und weinte immer dazu!

Sie tanzten nachts, sie tanzten tags

Sie ließen das Steuern sein –

Evelyn Roe war so scheu und so weich

Sie waren härter als Stein!

Der Frühling ging – der Sommer schwand

Sie lief wohl nachts mit zerfetztem Schuh

Von Raa zu Raa und starrte ins Grau

Und suchte einen stillen Strand

Die arme Evelyn Roe!

Sie tanzte nachts. Sie tanzte tags.

Da ward sie wie ein Sieches matt.

„Herr Kapitän, wann kommen wir

In des Herrn heilige Stadt?“

Der Kapitän lag in ihrem Schoß

Und küßte und lachte dazu:

„Und ist wer schuld, daß wir nie hinkommen:

So ist es Evlyn Roe.“

Sie tanzte nachts. Sie tanzte tags.

Da ward sie wie ein Leichnam matt.

Und vom Kapitän bis zum jüngsten Boy

Hatten sie alle satt.

Sie trug ein seiden Gewand auf dem Leib

Der siech und voll Schwielen war

und trug auf der entstellten Stirn

Ein schmutzzerwühltes Haar.

„Nie seh ich dich, Herr Jesus Christ

Mit meinem sündigen Leib –

Du darfst nicht geh’n zu einer Hur‘

Und bin ein so arm Weib!“

Sie lief wohl lang von Raa zu Raa

Und Herz und Fuß tat ihr weh

Sie ging wohl nachts, wenn’s keiner sah –

Sie ging wohl nachts in die See!

Sie ließ sich den dunklen Wellen

Und die wuschen sie weiß und rein –

Nun wird sie wohl vor dem Kapitän

Im heiligen Lande sein!

Als im Frühling sie in den Himmel kam

Schlug Petrus die Tür ihr zu:

“Gott hat mir gesagt: ‚Ich will nit han

Die Dirne Evelyn Roe!'“

Doch als sie in die Hölle kam

Sie riegeln die Türen zu

Der Teufel schrie: „Ich will nit han

Die fromme Evelyn Roe!“

Da ging sie durch Wind und Sternenraum

Und wanderte immerzu –

Spätabends durchs Feld sah ich sie schon geh’n

Sie wankte oft, nie blieb sie steh’n

Die arme Evelyn Roe!